Swinging Hamburg - Die Webseite aus der Jazzhauptstadt Hamburg

And Our Hearts In New Orleans - 50 Jahre Swinging Hamburg (Teil 1)

Klaus Neumeister


Hamburg - 1949 trafen sich vier oder fünf Musiker in einem Keller und gründeten die erste Hamburger Jazzband, die später auch über Landesgrenzen bekannt wurde. Die Instrumente stammten vom schwarzen Markt, die Inspiration von zerkratzten 78er Platten. Damals nannten sie sich noch Magnolia Dance Orchestra, später Magnolia Jazzband und setzten in aller Unschuld die vielbesungene Hamburger Szene in Gang. So tönern das musikalische Fundament in jener Zeit auch war, so streng wurde auf Stiltreue geachtet. Die Idole hießen Bunk Johnson, Kid Ory und Johnny Dodds.

So feiern wir denn in diesen Tagen ein rundes Jubiläum: 50 Jahre Swinging Hamburg. Das heißt vor allem: 50 Jahre Jazzmusik mit der Betonung auf überwiegend traditionellen Elementen. Traditionell in Bezug auf Repertoire und Besetzung. Aber auch in Hinsicht auf die Ideale und Idole.

Für alle, ob von Anfang an dabei oder später dazu gekommen, war dies der einzige musikalische Weg, den man gehen wollte. Und in unserer Stadt waren es viele! Nur wenige haben diesen Weg verlassen und Neues ausprobiert. Ich meine in keiner Stadt der Welt, auch nicht in New Orleans oder Chicago, hat es zeitweise mehr Musiker, Bands und Clubs gegeben.

Peter Wehrspann, ein Musiker der ersten Stunde erinnert sich: "Es waren sicherlich hunderte von Bands, größtenteils von kurzer Lebensdauer, da am Anfang oft nur die Begeisterung am musizieren im Vordergrund stand. Zum kleineren Teil langlebig, bis heute existent, einfach, weil man im Laufe der Zeit kritischer wurde und versuchte, seinen eigenen Stil zu finden. Bei so viel Begeisterung und Einsatz konnte es nicht ausbleiben, dass neben schrecklichen Mißtönen, von Musikern produziert, die "kaum ihr Instrument richtig halten konnten", auch musikalisch Hochwertiges entstand."

Unter dem Motto "Höher, lauter, schneller" und "Wer übt, fällt den anderen in den Rücken" wurde gejazzt, was das Zeug hielt! Aus verbeulten und altersschwachen Instrumenten erklang das, was man für den Jazz hielt, den man spielen wollte, die Musik, die man aus dem Rundfunk oder von den ersten Schallplatten kannte, eine Musik, die alle faszinierte und in ihren Bann zog. Wir wußten es sehr schnell: Das ist es! Nur diese Musik kommt für uns in Frage! Der Ruf des Jazz war übermächtig und riss alle mit.

Wir spürten zu diesem Zeitpunkt ganz instinktiv, dass diese Musik mehr als jede andere Musikform das Lebensgefühl der Menschen bestimmt und dass sie wie auch immer vermittelt - über ihre vielfältigen Varianten eindringen kann in die vorhandene musikalische Kultur. In diesem Sinne war für uns diese Musik mehr als nur eine musikalische Disziplin, sie war - und sie ist es noch heute - ein integrierendes Element der Musikkultur unserer Stadt.

Marcel Horst, ebenfalls ein Musiker aus den Anfangsjahren, sagt über diese Zeit: "Es begann in den 50er Jahren. Das Verbot der als 'undeutsch' geltenden Jazz-Musik während der Nazijahre ließ bei der Nachkriegsgeneration einen großen Nachholbedarf entstehen. Es lag sicher nicht nur an der Weltoffenheit der Hanseaten, sondern auch an den Jazzprogrammen des britischen Soldatensenders BFN, dass gerade in Hamburg so viele junge Leute anfingen, im traditionellen Jazzstil zu musizieren."

Es kam dann eine Phase, in der wir etwas ruhiger wurden. Darüber nachdachten, wo unsere musikalische Zukunft sein könnte. Wir wurden kritischer und orientierten uns neu. Man nahm andere Einflüsse in sich auf und überdachte seine stistische Berufung. Es wurden die ersten guten Instrumente gekauft und systematisch geübt. Manch einer suchte sich einen Lehrer und nahm Unterricht. Durch viele Umgruppierungen und Neugründungen hat dann wohl fast jeder im Laufe der Jahre seine musikalische Heimat gefunden.

Diese Heimat blieb aber immer der authentische Jazz in all seinen Ausdrucksformen. Es war die Musik der Vergangenheit, die man ganz bewußt reproduzierte. Dieses "Nachspielen" wurde von niemandem als falsche Vorgehensweise empfunden. Trotz der mittlerweile besseren Kenntnis über diese Musik und der teilweise recht guten Beherrschung des jeweiligen Instruments, imitierte jeder sein eigenes Vorbild, mehr oder weniger überzeugend, doch war der Geist dieser Musik hier und da durchaus spürbar.

Die alte Begeisterung war geblieben, uns so reifte im Schatten der Vorbilder manch großes Talent heran. Mit einem Mal wurde der Blues so schön gespielt, dass man lange nach Vergleichbarem suchen mußte. Es war zu spüren, dass viele ihr Wirken und Schaffen als eine Hommage an all die großen der Jazzgeschichte verstanden.

Die damaligen Zuhörer und Jazzfreunde haben das sofort gespürt. Diese Musik lebt nicht nur durch ihre Spontaneität und Direktheit, sondern eben auch vom Publikum. Hatte man erst einmal seine "Fan-Gemeinde", dann konnte man auf sie zählen. Treu und eisern haben sie mit uns so manche Nacht durchgestanden. Wenn der berühmte Funke übersprang, wurde ein Konzert zum stürmischen Happening. Es war aber nicht immer die viel beschriebene "Bierseligkeit", die die Wogen der Begeisterung hochschlagen ließ, sondern für mich war häufig eine ehrliche Anerkennung und viel musikalischer Sachverstand zu spüren. Nichts von der oft zitierten hanseatischen Zurückhaltung, sondern freundschaftliche, emotionale Begegnung war zu spüren.

(zuletzt aktualisiert: 16.11.1999 - 7060 mal aufgerufen)

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